Tierversuche: Schweinerei oder Affentheater?

Tierversuche: Schweinerei oder Affentheater?

Beitragvon Chris » Mi Apr 21, 2010 8:17 am

von Dr. Thomas Kron, 20.04.2010
Tierversuche: Schweinerei oder Affentheater?

© teachingsagittarian/ flickrWenn es um Tierversuche geht, regieren meist
Emotionen die Diskussionen. Von Barbarei reden die einen, von Unvernunft die
anderen - und manche von Inkonsequenz und gar Heuchelei. Konsens besteht
bestenfalls darin, dass Alternativverfahren wünschenswert sind.

Mehr zu diesem Thema:
Spiegel-Artikel
CAAT

Ärzte gegen Tierversuche
„Tierversuche - Folter für die Forschung“ stand 1985 auf der Titelseite des
„Spiegels“. Grauenhafte Bilder von Tierversuchen zeigte damals Dr. Dietrich
Bäßler, Mitglied der „Ärzte gegen Tierversuche". Gezeigt wurden laut
Spiegel-Bericht „zähnefletschende Affen, eingezwängt in das Gestänge
stereotaktischer Bändigungsstühle; verstümmelte Hunde, denen
Drainageschläuche aus dem aufgeschlitzten Leib hängen...Ratten, die unter
einer Miniatur-Guillotine enthauptet werden...“.
Wie sehr Emotionen auch heute noch die Diskussionen beherrschen, mussten
Anfang des Jahres Forscher in Großbritannien und in Österreich erleben. Auf
einem britischen Militärstützpunkt hatten Wissenschaftler mehr als ein
Dutzend Schweine in die Luft gesprengt. Angeblich wollten sie mit dem
Experiment die Wirkung von Terroranschlägen auf Menschen untersuchen.
Widerlich und überflüssig nannten Tierschützer und Politiker die
Experimente. In Österreich hatten Wissenschaftler bei einem
Lawinenexperiment lebende Schweine im Schnee vergraben und beobachtet, wie
sie langsam erstickten und erfroren. Erst eine Protestwelle stoppte die
Innsbrucker Forscher.

Deutlicher Rückgang der Tierversuche
Relativ unstreitig ist, dass sich in den vergangenen Jahren in Sachen
Tierversuchs-Alternativen viel getan hat. Allein mit Hilfe von Zellkulturen
wurden „zwischen 1990 und 2000 die Tierversuchs-Zahlen etwa halbiert“, sagt
Dr. Manfred Liebsch von der „Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von
Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ (Zebet), die für das
Bundesinstitut für Risikobewertung Alternativmethoden bewertet. Erst vor
wenigen Wochen haben die Universität Konstanz und die Johns Hopkins
Bloomberg School of Public Health gemeinsam das „Center for Alternatives to
Animal Testing – Europe“ (CAAT-EU) gegründet, um neue Methoden zu
entwickeln, durch die Tierversuche ersetzt werden können.

Eine Unsitte: Fast nur positive Ergebnisse werden publiziert
Professor Marcel Leist leitet CAAT-EU - zusammen mit Professor Thomas
Hartung, CAAT-Chef der Bloomberg School. Leist, viele Jahre beim
Pharmaunternehmen Lundbeck tätig, setzt sich seit Jahren für
Alternativmethoden ein. Es sei ihm ein persönliches Anliegen „wenn man
sieht, dass bei manchen Versuchen Tieren Leid zugefügt wird, ohne dass dem
ein nennenswerter Nutzen für Tier oder Mensch entgegensteht“. Bekannt sei
schließlich, „dass die Übertragbarkeit der Tierversuchs-Ergebnisse auf
Menschen oft nicht gewährleistet ist“. „Daten aus Tierversuchen sind in weit
mehr als 50 Prozent der Fälle nicht auf den Menschen übertragbar", sagt auch
der Schweriner Toxikologe Dr. Dieter Runge.

Dass an publizierten Ergebnissen von Tierversuchen Zweifel angebracht sind,
legt eine im März veröffentlichte Studie nahe. Danach werden fast nur
positive, nicht aber auch negative Ergebnisse publiziert. Dies spricht nicht
grundsätzlich gegen Tierversuche, ist aber dennoch eine unredliche und
ethisch angreifbare, wenngleich nicht unübliche Unsitte.

Leist und seine Kollegen suchen auf jeden Fall nach neuen Ansätzen für
toxikologische Untersuchungen. „Stammzellsysteme könnten hierfür äußerst
wertvoll sein“, erklärt Leist. Ein radikaler Tierversuchsgegner ist er
nicht: „Es gibt manche Bereiche, in denen man in den nächsten Jahren noch
Tierversuche brauchen wird. Ich wünsche mir aber, dass der Umgang mit Tieren
nach dem „3 R-Prinzip“ – 'Reduce, Replace, Refine' insgesamt vernünftiger
wird.“ So könnten in Europa in einem Jahr eine Million Tiere eingespart
werden. Und möglicherweise auch viele Steuergelder. Denn „wir alle
subventionieren Tierversuche mit unseren Steuergeldern“, kritisiert der
Verein der „Ärzte gegen Tierversuche“. Wie viele öffentliche Gelder in die
tierexperimentelle Forschung fließen, wisse zwar niemand genau. Aber
Ausgaben für einzelne Projekte in Höhe von über 200 Millionen Euro gäben die
Dimensionen wieder, um die es gehe. Auch der Deutschen
Forschungsgemeinschaft, die Tierversuche im Hochschulbereich finanziere,
habe 2007 ein Etat von 1,7 Milliarden Euro aus der Staatskasse zur Verfügung
gestanden. Demgegenüber stünden der tierversuchsfreien Forschung jährlich
nur etwa 4 bis 5 Millionen Euro staatliche Unterstützung zur Verfügung.

Tierverbrauch könnte wieder zunehmen
Dabei hätten innovative Forschungsansätze gegenüber dem Tierversuch mehrere
Vorteile. Gerade im Bereich der Zellkulturen wurden nach Angaben des Vereins
viele In-vitro-Methoden entwickelt. Bei einigen Methoden würden jedoch
weiterhin Teile getöteter Tieren oder tierische Produkte verwendet. Nur ein
paar Beispiele seien genannt:

Der EPISKIN®-Test mit künstlicher, menschlicher Haut zu Untersuchung der
Ätzwirkung von Chemikalien.
Beim Neutralrot-Test, der auf der Eigenschaft einer permanenten
Mäuseembryozelllinie beruht, den Farbstoff Neutralrot aufzunehmen, kann der
Farbstoff dann nicht in die Zellen eindringen, wenn sie durch reizende
Stoffe geschädigt worden sind.
Mit Nervenzellkulturen kann die Ausschüttung von Neurotransmittern
untersucht werden sowie deren pharmakologische Beeinflussung.
Erbgutschädigende Wirkungen können an Bakterien und Hefezellen untersucht
werden.
Beim Screening mit Computermodellen etwa können unwirksame oder toxische
Stoffe schon frühzeitig ausgesondert werden. In der Studenten-Ausbildung
lassen sich mit Simulationsprogrammen die klassischen Froschversuche
virtuell nachvollziehen.
Hoffnungen setzen Forscher derzeit vor allem auf die erweiterte
Ein-Generationen-Studie. Bei den so genannten Zwei-Generationen-Studien
werden Chemikalien bis in die Enkeln der Versuchstiere getestet, um
fruchtschädigende Wirkungen auszuschließen. Wie Hartung dem „Spiegel“ sagte,
umfassen diese Versuche rund 70 Prozent der Kosten und rund 90 Prozent des
Tierverbrauchs. Bei der erweiterten Ein-Generationen-Studie untersuchen die
Forscher nur die Töchter und Söhne – aber genauer. Laut Hartung könnte so
der Tierverbrauch für die neue EU-Chemikalienrichtlinie (REACH) auf ein
Fünftel reduziert werden. Die OECD-Staaten beraten aber noch, ob sie die
neue Methode anerkennen. Wissenschaftler wie Hartung halten dies für
dringend erforderlich, denn die Zahl von über 2,5 Millionen Wirbeltieren,
die 2008 allein in Deutschland für die Forschung starben (in der EU über
zehn Millionen), könnte „durch die neue EU-Chemikalienrichtlinie sogar noch
steigen. Nach der neuen Verordnung müssten Chemikalien, die die Industrie
verwendet, bis zum Jahr 2018 registriert werden. Viele seit langem genutzte
Stoffe müssten erneut geprüft werden. Allerdings: „Die Rechnung, wonach ein
Tierversuch durch eine Alternativmethode ersetzt wird, stimmt für komplexere
toxische Effekte nicht", sagt Dr. Robert Landsiedel, Toxikologe bei der
BASF. Außerdem schütze „ein Tierversuch gegen Schadensersatzforderungen
immer noch besser als die modernste Alternativmethode", erklärt Liebsch.
Die große Heuchelei?

Der Kampf gegen Tierversuche sei zudem heuchlerisch, schrieb Andreas Sentker
vor kurzem in der „Zeit“. In unserem Alltag nähmen wir ohne Bedenken
tausendfaches Leid von Tieren in Kauf. Manche vermeintliche Hundefreunde
etwa nähmen am Leid ihrer Schützlinge genauso selten Anstoß wie der
durchschnittliche Fleischesser am Schicksal seines Eiweißlieferanten. Die
meisten griffen am liebsten nach Schnitzeln zu Schleuderpreisen. An den
Pranger gehörten nicht Wissenschaftler, die streng reglementierte
Tierversuche durchführten, sondern eher „jene, die ihre Tiere hinter
zugezogenen Wohnzimmergardinen quälen. Oder zum billigsten Schnitzel
greifen, zahlen und gehen“.
Chris
 
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Re: Tierversuche: Schweinerei oder Affentheater?

Beitragvon Barbara » Fr Okt 29, 2010 9:05 am

Wieder mal ein interessanter Denkanstoß.
Ich persönlich bin nicht prinzipiell gegen Tierversuche, denn ich möchte ja auch möglichst sichere Medikamente haben.Ich esse auch gelegentlich Fleisch und trage Lederschuhe und habe Haustiere.
Aber zwischen nutzen und benutzen ist ein himmelweiter Unterschied und die Frage ist immer ob man das im Einzelfall vor sich selbst noch rechtfertigen kann.
Unnützes Verschwenden von Leben oder unnötiges zufügen von Leid ist nicht ok und läßt sich auch durch nichts schönreden.
Ich erkenne deshalb alle Bemühungen an die nach Alternativen suchen und Notwendigkeiten abwägen.
In dieser Hinsicht hat sich ja auch schon viel getan und es wird zum Glück weiter gesucht. Auch die Ethikkommissionen setzen strengere Maßstäbe an bevor sie irgendwelche Versuche genehmigen.
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